Architektur

Übermalte Fotografie für den Hundertwasser-Film "Regentag" von Peter Schamoni, 1971-72
Wasserfarben auf Fotografie
Fassade - Untere Weißgerberstraße
KUNST HAUS WIEN Detail
Hundertwasserhaus
Museum Hundertwasser, Ausstellungsansicht
Müllverbrennungsanlage Spittelau
Thermendorf Blumau
Modell für St. Barbara in Bärnbach. Museum Hundertwasser, Ausstellungsansicht
Flaschenfenster im Innenhof des KUNST HAUS WIEN
Alles, was waagrecht unter freiem Himmel ist, gehört der Natur.
Friedensreich Hundertwasser, Konkrete Utopien für die grüne Stadt, 1983

Beginnend mit dem Verschimmelungsmanifest gegen den Rationalismus in der Architektur, in dem er sich 1958 gegen die „gerade Linie“ wandte und Baufreiheit für alle Menschen forderte, schrieb Hundertwasser mit der Nacktrede für das Anrecht auf die dritte Haut und dem Manifest Los von Loos immer wieder und immer tiefgreifender gegen die seiner Meinung nach vorherrschende natur- und menschenunwürdige Bauweise an. Er war ein Visionär im Bereich der Architektur und Ökologie, und es dauerte entsprechend lange, bis er seine Forderungen nach „Baummietern“, dem „Fensterrecht“, „Dachbewaldungen“ oder dem „unebenen Boden“ in Wirklichkeit umsetzen konnte. Nicht alle Utopien, die Hundertwasser im Bereich der naturnahen Bauweise hegte, halten heutigen wissenschaftlichen Kriterien stand. Dies verringert jedoch nicht seine Verdienste um die Verankerung ökologischen Denkens in den Köpfen der Menschen.
In seiner Malerei traten neben vegetativen Formen schon früh architektonische Motive wie Fenster, Giebel, Zäune und Tore auf. Konkreter gewordene Vorstellungen von natur- und menschengerechtem Bauen sind in der Ausstellung mit dem Aquarell 867 Hochhaus für Bäume und Menschen und der Mixed-Media-Arbeit 839 Löwengasse dokumentiert, die 1982 im Zuge der Planung des Hundertwasserhauses entstand.

Hundertwasserhaus
Dieser Gemeindebau im dritten Wiener Bezirk war das erste Projekt, in dem Hundertwasser seine Architekturvisionen verwirklichen konnte (Architekten: Josef Krawina und Peter Pelikan). Nach Fertigstellung des Rohbaus arbeitete er ein Jahr lang täglich Seite an Seite mit den Handwerkern auf der Baustelle. Die Fenster sind unregelmäßig angeordnet, Bäume wurden integriert, der Boden ist teilweise uneben. Die Dächer sind bewaldet, Gänge wurden als Säulengänge gestaltet, und die terrassenförmige, verschachtelte Anlage wird von einem vergoldeten Zwiebelturm gekrönt. Auf die Eröffnung im Jahr 1986 folgten weltweit Dutzende andere Bauten, teilweise sogar in parallel ablaufenden Planungs- und Errichtungsphasen.

Spittelau
Unter den im KUNST HAUS WIEN ausgestellten Architekturmodellen ist das des Fernkraftwerkes Spittelau: ein Projekt, das in Wien auf das Hundertwasserhaus folgte und für die hitzigsten Diskussionen sorgte, die es je um eine Arbeit des „Architektur-Doktors“ gegeben hat. Er wurde 1987 dazu eingeladen, das abgebrannte Kraftwerk zu gestalten. Bürgerinitiativen wollten die Wiedererrichtung verhindern, ArchitektInnen und MedienvertreterInnen waren empört darüber, dass Millionen von Schillingen für die „Dekoration einer Dreckschleuder“ zur Verfügung gestellt werden sollten, Ökologie-Gruppierungen sahen darin einen Verrat an der grünen Ideologie. Hundertwasser nahm nach längerer Bedenkzeit den Auftrag an, da man ihm versicherte, dass mit dem Fernkraftwerk Spittelau die modernste und sauberste Müllverbrennungsanlage Europas entstehen würde. Er sah es als „Mahnmal für eine schönere, abfallfreie Zukunft“ (Brief an Hannes Minich, 1988). So wie das Hundertwasserhaus gehören heute die Anlage und ihr 126 Meter hoher, glänzender Schlot mit der „goldenen Zwetschke“ zu den Wahrzeichen und Touristenmagneten der Stadt.

Hundertwasser-Kirche St. Barbara in Bärnbach
Ein anderes Architekturmodell zeigt die Kirche St. Barbara in Bärnbach, die von 1987 bis 1988 im Zuge einer notwendigen Renovierung nach Entwürfen von Hundertwasser umgebaut wurde (Architekt: Manfred Fuchsbichler). Obwohl er auf sein Honorar verzichtete und auch für die Vergoldung des Zwiebelturms aufkam, war die Finanzierung des Projektes in der Steiermark nur durch einen gemeinsamen Kraftakt von Gemeinde, Diözese, Pfarre und der Bevölkerung möglich. Das Kirchenumfeld schließt einen Prozessionsweg mit zwölf Torbögen, die Symbole von zehn nicht christlichen Weltreligionen tragen, mit ein. Hundertwasser, der selbst  oft von früh bis spät auf der Baustelle gearbeitet hatte, bezeichnete diesen Auftrag einer Kirchengestaltung als das schönste Geschenk, das er in seinem Leben bekommen habe.

Hügelwiesenland: Thermendorf Blumau
Das Hügelwiesenland-Modell im KUNST HAUS WIEN entstand ursprünglich 1989 für eine am Wiener Stadtrand geplante Wohnsiedlung. 1993 griffen Hundertwasser und Architekt Peter Pelikan die Idee wieder auf und adaptierten das Modell für das Thermendorf Blumau. Abgesehen von bereits bekannten gestalterischen Momenten konnte hier rund um die Thermen-Oaselandschaft unterschiedliche Behausungen für Gäste errichtet werden: Unterirdische „Waldhofhäuser“, die ihr Licht über Innenhöfe beziehen, entstanden nach Vorbild der Grubenhäuser in China und Tunesien. Die „Augenschlitzhäuser“ verfügen an einer Seite über eine ihrem Namen entsprechende Fassadenfront, ihre Baukörper ragen aber tief ins Erdreich. Im Inneren sind sie trotzdem hell. Die begrünten „Rehrückenhäuser“ schließlich können durchgängig vom Bodenniveau aus bewandert werden. Im Sommer grasen Ziegen, Schafe und Hühner darauf. Es ist das größte bewohnbare Gesamtkunstwerk Hundertwassers.