Daniel Spoerri. Der Zufall als Meister

Die Ausstellung umfasst ca. 150 Exponate, die Daniel Spoerris Werk von 1960 bis 2001 zeigen. Wichtige Arbeiten aus den Zyklen "Morduntersuchungen", "Künstlerpaletten", "Sevilla-Serie", "Anatomische Kabinette", "Karneval der Tiere", "L‘Histoire des boîtes à lettres" und "Background Landscapes" sind für diese Ausstellung zusammengestellt worden.

Daniel Spoerri: Tänzer, Dichter, Regisseur und Objektkünstler, Gründungsmitglied der Nouveaux Réalistes, Begründer der Eat Art.

„Werfen wir einen Blick auf seine Biographie: Daniel Spoerri wurde als Daniel Isaak Feinstein am 27. März 1930 in Galati in Rumänien geboren. Der Vater Isaac Feinstein war zum christlichen Glauben konvertiert, und mehr, er war zum Missionar im Dienst der Norwegischen Mission für Israel, einer evangelisch-lutheranischen Gemeinschaft, geworden. Aber das half ihm nicht, als Rumänien im Sommer 1941 an der Seite Nazideutschlands in den Krieg eintrat. Er entging der in Rumänien grausam wie nur irgendwo exekutierten Judenverfolgung nicht, er wurde verschleppt und ermordet.

Seltsamerweise bedeutete die Nachricht von seinem Tode, von Zeugen zu Protokoll gegeben, für die Familie eine Chance. Daniels Mutter Lydia, geborene Spoerri, war Schweizerin. Als Witwe konnte sie für sich und ihre sechs Kinder den Reisepass beantragen, den man ihr als Frau eines Verfolgten verwehrte. Auf vielerlei Umwegen und nach kaum vorstellbaren Abenteuern gelang ihr mitten im Krieg die Flucht in die Schweiz, wo sie und die Kinder unter ihrem Mädchennamen registriert wurden. Damals war Daniel gerade 12 Jahre alt.

Diese Ur-Erfahrung hat ihn für sein Leben geprägt. Daniel Spoerri hat stets ein Nomadendasein geführt. Nirgends hält es ihn lange. Immer kehrt er in die großen Städte zurück – Paris, Amsterdam, New York, Berlin, Wien – aber nur, um aufs Neue aufzubrechen. Auf dem Lande, in Frankreich, in der Schweiz, in Italien richtet er sich

Quartiere ein, baut sie aus und schlägt doch nicht Wurzeln, bleibt der Stadtmensch. Anderthalb Jahre verbringt er auf einer einsamen griechischen Insel, auf Symi, um sich danach nur umso intensiver in den Kunstbetrieb zu stürzen, ein Restaurant zu gründen, einen Verlag zu betreiben, eine Professur anzunehmen, um all das dann wieder an den Nagel zu hängen. Von hier aus, von diesem Nomadenleben lässt sich wohl auch erklären, was Dinge für ihn bedeuteten. Seine Beziehung zu den Dingen wurde eine bestimmende Komponente seiner Existenz. Dinge standen oft

stellvertretend für ein menschliches Schicksal. An sie konnte er sich halten, ihnen vertrauen. Waren sie nicht beständiger und verlässlicher als Menschen? Und mehr: die Dinge erzählen uns unsere eigene Geschichte, und wir erkennen uns in ihnen wieder...“

Wieland Schmied, 1998

Die Transformation der Dinge bestimmt das gesamte künstlerische Œuvre von

Daniel Spoerri. Durch einen einfachen Eingriff, beispielsweise das Kippen aus der Horizontale in die Vertikale, verändert Spoerri die Wahrnehmungs- und Realitätsebenen. Die Metamorphosen seiner eigenen Person stellen ebenfalls ein wichtiges Ausdrucksmittel im künstlerischen Schaffensprozess dar. So tritt er beispielsweise als Meister der Kochkunst auf und kredenzt dem Publikum Eat Art: essbare Werke von Spoerri sowie seiner Künstlerfreunde Bernhard Luginbühl,

Dieter Roth, Arman, César und Niki de Saint-Phalle gelangen anlässlich kunstvoll inszenierter Bankette zum Verzehr.

Ankäufe internationaler Museen und internationale Retrospektiven seines Werkes festigen Daniel Spoerris Position als zentrale Figur der europäischen Nachkriegskunst. Der Künstler lebt seit 1998 in Seggiano, Italien, und arbeitet dort am Gesamtkunstwerk „Il Giardino di Daniel Spoerri“.