Jean Dubuffet

Mit 140 Werken von Jean Dubuffet aus der Sammlung der Fondation Jean Dubuffet in Paris präsentiert das KunstHausWien einen Künstler, der in ganz außergewöhnlichem Maße der Kunst der Moderne neue Wege eröffnet hat. Utopien der Avantgarde werden in seinem Werk erfahrbare und nachprüfbare Realität.

Jean Dubuffet formulierte zentrale Themen der Moderne erstmals verbindlich und kam zu exemplarischen Lösungen für zahlreiche Problemstellungen der frühen Avantgarden des 20. Jahrhunderts: Dubuffet verbindet Hoch- und Subkultur, bezieht Randgebiete wie die Kunst von Geisteskranken, von Kindern und nichtkulturellen Bereichen unmittelbar in sein Werk ein – eine Haltung, die geprägt ist von Kriegserfahrungen, Einsicht in den moralischen Konkurs der bürgerlichen Gesellschaft und Misstrauen gegen den herrschenden Technologieoptimismus.

Dubuffet schafft mit seiner „Art Brut“ erstmals die Grundlage für eine wirkliche Synthese und erweitert damit radikal die festgefahrenen Grenzen eines statischen Kunstbegriffes. Er bedient sich dabei unterschiedlichster bildnerischer Verfahren, Materialien und experimenteller Methoden. Gleichzeitig erhebt er den Gedanken der stetigen Metamorphose, das In-Frage-Stellen gefasster Meinungen zum inneren Prinzips.

Die Voraussetzungen für dieses von außergewöhnlicher Intelligenz getragene Spiel mit unterschiedlichsten Wahrnehmungsformen liegen in seiner Biographie begründet. 1901 als Sohn eines Weingroßhändlers in Le Havre geboren, der zur gutbürgerlichen Gesellschaft zählte, genoss er eine traditionelle humanistische Ausbildung und begann nach dem Abitur zunächst ein  Studium der Malerei an der berühmten Academie Julian in Paris. Schon nach sechs Monaten verließ er jedoch die Akademie, arbeitete in der Isolation und beschäftigte sich mit den unterschiedlichsten und zum Teil entlegensten  wissenschaftlichen und kulturellen Bereichen, erfüllt von Skepsis gegen den gängigen Kunstbetrieb. Immer wieder wendet er sich ganz von der Kunst ab und widmet sich unter anderem dem Weinhandel.

Dieses durchaus gegensätzliche, scheinbar nicht zu vereinbarende Muster prägte sein gesamtes künstlerisches Wollen. Höchste intellektuelle Flexibilität und ein großes Wissenspotential stehen neben der Überzeugung, dass nur im einfachen Leben der „kleinen Leute“ und in den nichtangepassten gesellschaftlichen Randbereichen Wahrheit und Ursprünglichkeit zu finden seien. Dies führt in 1947 zur Begriffsprägung „Art Brut“ unter der er Formen ursprünglicher, nicht dem offiziellen Kunstbegriff entsprechender Kunstäußerungen versteht, eine Position, die er in zahlreichen Essays und Statements auch theoretisch untermauert.

Bis zu seinem Tod 1985 ist die Entwicklung Dubuffets von stetiger innerer Erneuerung und Wandel geprägt. Das an experimentellen Neuanfängen reiche Œvre des Künstlers erfährt die wohl radikalste Änderung mit dem Beginn des Hourloupe-Zyklus, der das Verhältnis von Körper und Fläche neu definiert.

Die Ausstellung umfasst alle wichtigen Werkgruppen des Künstlers mit signifikanten Beispielen und veranschaulicht das breite Spektrum dieses duch Intellekt wie Humor geprägten Künstlers, der in besonderem Maße gängige Traditionen sprengte und damit die entscheidenden Voraussetzungen für eine Neudefinition des überkommenen Kunstbegriffs lieferte.