Meister des 20. Jahrhunderts. Tapisserie

Wir zeigen über 50 Meisterwerke der Tapisserie von Werken der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts (Romare Bearden, Alexander Calder, Marc Chagall, Corneille, Stuart Davis, Sonia Delaunay, Max Ernst, Maurice Estève, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Le Corbusier, Fernand Léger, Jean Lurçat, Roberto Matta, Joan Miró, Pablo Picasso), erstmals zusammengestellt für das KunstHausWien, kuratiert von Jacob Baal-Teshuva.

Diese Ausstellung ist eine Hommage an eine großartige Künstlerin, die Meisterweberin Madame Yvette Cauquil-Prince. Zu sehen sind weiters 24 Aubusson-Tapisserien aus dem berühmten Atelier Pinton aus der Sammlung Jane Kahan, New York. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, der im KunstHausWien MuseumShop erhältlich sein wird.

Madame Cauquil-Prince begann mit dem Weben von Tapisserien im Jahre 1959, in Zusammenarbeit mit dem CoBrA-Künstler Asger Jorn und mit Pierre Wemaere; diese Zusammenarbeit dauerte bis 1961. Seit 1961 hat sie als Werkmeisterin für Alexander Calder, Emile Hecq, Xavier Lalane, Roberto Matta, Jean Piaubert, Nicki de Saint-Phalle und Michel Seuphor gearbeitet.

Seit 1967 hat sie Tapisserien der großen Künstler des 20. Jahrhunderts hergestellt, beispielsweise von Georges Braque, Alexander Calder, Marc Chagall, Max Ernst, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Roberto Matta, Henry Miller und Pablo Picasso. Mit Marc Chagall verband sie eine besondere Beziehung, die es ihr ermöglichte, monumentale Tapisserien zu kreieren. Insgesamt hat sie etwa 80 Tapisserien hervorgebracht, davon rund 25 für Marc Chagall, zehn für Max Ernst und sieben für Fernand Léger. Zahlreiche Einzelausstellungen haben ihre Werke in der ganzen Welt präsentiert, darüber hinaus waren sie auch an vielen Gruppenausstellungen beteiligt. Ihre Tapisserien sind im Picasso Museum in Antibes, im Textilmuseum Max Berk in Heidelberg, in Sammlungen in Japan, in den Vereinigten Staaten und auch in anderen Ländern zu finden.

Das Atelier Pinton in Felletin geht bis ins 16. Jahrhundert zurück; in seiner gegenwärtigen Gestalt wurde es 1867 von Olivier Pinton gegründet. Nach dessen Tode 1914 wurde Jean Pinton sein Nachfolger und nach diesem Olivier Pinton und schließlich François Pinton. Es war Jean Pinton, der seit den 50er Jahren für die Herstellung der Originalwerke von Léger, Miró, Calder, Delaunay und anderen verantwortlich zeichnete.

Die Tapisserie, jener Zweig der Textilweberei, der den Zweck hatt, Bilder zur Ausschmückung der Häuser der Reichen und ganzer gesellschaftlicher Gruppierungen sowie der öffentlichen Plätze zu produzieren, gehört zu den ältesten Kunstgattungen überhaupt. Sie geht auf Babylon, Persien, Ägypten und Indien sowieauf die griechische Antike, wo sie die Wände des Parthenons schmückte, und noch weiter zurück.

Die große Geschicklichkeit im Einsatz, unterschiedliche Techniken der Herstellung und die Schönheit des Produkts machen die Tapisserie zu einem integralen Bestandteil sowie zur Begleiterin der Geschichte durch die Epochen und Kulturen zur Ausschmückung und Hebung der Lebensqualität im öffentlichen und privaten Ambiente. Die Weber dieser Tapisserien galten als große Künstler und Erneuerer ihrer Epoche. Sie führten die Kunst des Künstlers einen Schritt weiter: von Papier oder Leinwand zu dauerhaften Textilien mit ihren reichen Farben, Texturen und neuen Techniken der Ausführung. Tapisserien wurden zu für die Ewigkeit gewebten Bildern.

Die Tapisserien wurden nicht nur für Könige und den Adel hergestellt, sondern darüber hinaus für die Öffentlichkeit, um die Lebensqualität zu erhöhen. Tapisserien findet man in den ältesten Kulturen, bei uralten Stämmen wie im alten Peru, und auch bei vielen anderen Indianerstämmen, beispielsweise den Navarrhos. Ihre Herstellung war ein langwieriger Prozeß, der Geschicklichkeit, Kunstfertigkeit und Geduld erforderte. Man verwendete sie, um Wände und Fußböden zu bedecken und auszuschmücken und sogar als Kleidung, was mit Stickerei jedoch nichts zu tun hatte.

Zu den frühesten und schönsten Tapisserien gehören jene der Kopten in Ägypten aus dem 5. und 6. Jahrhundert. Sie benutzten eine sehr einfache Vorrichtung, nämlich einen Rahmen mit einer Rolle an beiden Seiten: das war der ganze Webstuhl. Später, im Mittelalter, als die Herstellung von Tapisserien zu einer wichtigen und verbreiteten Form der Manufaktur wurde, wurden neue Techniken entwickelt, um die Illusion von Licht und Schatten in der Tapisserie zu erreichen. In der Renaissance konnten die Weber durch die Vermischung der Farben jeden Pinselstrich in der Tapisserie wiedergeben. Die Farbe war schon immer ein zentrales Element der Tapisserie-Herstellung, und der Färbermeister mußte sehr geschickt ans Werk gehen. Vor der chemischen Färbemittelherstellung machte man Farben aus Insekten, Pflanzen, Blumen, Muscheln, Zwiebelhäuten, Zitronenschalen und Safran.

Bei der Tapisserie wird meistens Wolle verwendet, aber man findet auch oft andere Fasern wie Baumwolle, Seide und Leinen. Die Peruaner webten mit feinen Lamahaaren und den seidenen Haaren der Vicuñas, während die Kopten Leinen und die Chinesen Seide verwendeten. Die Sujets und Motive der Tapisserie der verschiedenen Jahrhunderte entstammen religiösen Gemälden, Sagen, Mythen und Symbolen.

Die Kunst der Tapisserieweberei wurde in allen Jahrhunderten praktiziert, auch im zwanzigsten. In den 30er Jahren bemühte sich Marie Cuttoli (sie arbeitete oft mit dem Atelier Pinton zusammen) tatkräftig um die Wiederbelebung dieser Kunst, indem sie die führenden Künstler jener Zeit ermunterte, Werke eigens für die Tapisserie zu schaffen. Zu diesen Künstlern gehörten Picasso, Braque, Derain, Rouault, Miró, Dufy, Le Corbusier und andere. Die Tapisserie-Herstellung hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine neue Belebung durch neue Techniken erfahren. Zu den führenden Persönlichkeiten auf diesem Gebiet gehört die Meisterweberin Yvette Cauquil-Prince, die für die herausragenden Künstler dieses Jahrhunderts aufregende Tapisserien geschaffen hat, darunter für Picasso, Léger, Chagall, Braque, Kandinsky, Klee, Ernst, Calder und Matta, um nur einige zu nennen. Wir sind stolz darauf, eine Auswahl dieser bedeutendsten Kunstwerke der Tapisserien des 20. Jahrhunderts zum ersten Mal in Österreich zu präsentieren.